Antisemitismus und Wissenschaftsfeindlichkeit – warum und was tun?

Moderatorin Shelly Kupferberg (ganz links) führte die Disskussionsteilnehmenden mit großem Geschick durch das komplexe Thema: Bundesbeauftragter für den Kampf gegen Antisemitismus Dr. Felix Klein (von links), Virologin Prof. Dr. Melanie Brinkmann, Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Friederike Hendriks und Historiker Dr. Dirk Sadowski
Foto: Stadt Braunschweig/Daniela Nielsen

„Ich bin in die Kommunikation gegangen, weil ich es als meine Verantwortung empfand. Denn wer soll über ein Virus reden, wenn nicht eine Virologin?“, erklärte Prof. Dr. Melanie Brinkmann auf der Podiumsdiskussion „Antisemitismus und Wissenschaftsfeindlichkeit, zu der die Forschungsstelle Bet Tfila und die TU Braunschweig am 18. Januar eingeladen hatten. Während der Corona-Pandemie war Prof. Brinkmann, die als Virologin an der TU Braunschweig arbeitet, vielfach in den Medien aufgetreten: Ihr Ziel sei es gewesen, den Menschen zu erklären, wie das Corona-Virus nach wissenschaftlichen Erkenntnissen wirke und wie man Ansteckungen vermeiden könne. Mit der Dauer der Pandemie habe sich Prof. Brinkmann aber zunehmend mit Anfeindungen und sogar Morddrohungen konfrontiert gesehen.

Prof. Brinkmann berichtet, dass es eine beachtliche Anzahl an Menschen gegeben habe, die die wissenschaftlichen Erklärungen abgelehnt und stattdessen eigene Theorien verbreitet hätten. Das habe sie nicht vorhergesehen: „Das war mir in dem Maße nicht bewusst. Ich wusste, dass es interessante Bilder gibt, die man auch sehr gut in Museen sehen kann: von Menschen mit einem Kuhkopf. Da ging es um die Pockenimpfung, die auch gefürchtet war. Aber es war mir überhaupt nicht bewusst, wie sich das Alles entwickeln kann, als ich in die Kommunikation eingestiegen bin.“ Nicht-wissenschaftliche Theorien seien sogar von einigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gefördert worden: „Es gab Wissenschaftler die völlig abgedreht sind. Es gab Wissenschaftler, die von den Querdenkern gefeiert wurden.“ Besonders erschüttert sei sie von einem emeritierten Professor gewesen, der zuerst das etablierte Nachweisverfahren für Viren in Frage gestellt und dann begonnen habe, sich auch antisemitisch zu äußern.

Das Thema der Podiumsdiskussion, die der Hochschulbund als einer der Hauptförderer unterstützte, scheint auch nach dem Ende der Corona-Pandemie hochaktuell zu sein: Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die sich öffentlich zu Themen wie der Corona-Pandemie oder der Klimakrise äußern, werden laut tagesschau immer häufiger bedroht und angefeindet. Und im Zusammenhang mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel und dessen Reaktionen berichtet die ZEIT über eine starke Erhöhung antisemitistischer Vorfälle in Deutschland.

Die Diskussion in der Dornse des Braunschweiger Altstadtrathauses verfolgten über 200 Interessierte.
Foto: Bet Tfila – Forschungsstelle / Mirko Przystawi

Das bestätigt auf der Podiumsdiskussion auch Dr. Felix Klein, der Bundesbeauftragte für den Kampf gegen Antisemitismus und für den Schutz jüdischen Lebens in Deutschland. Er erläutert den Ursprung der beiden Phänomene: „Die Menschen sind anfällig in komplexen Situationen. Wenn Krisenzeiten sind, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht, wenn selbst die Wissenschaft unsicher ist, dann werden Menschen anfällig für irrationale Erklärungsmuster. Und der Antisemitismus ist nun einmal ein solches Muster: Er liefert auf komplexe Zusammenhänge falsche, einfache Antworten.“ Diskussionsteilnehmerin und Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Friederike Hendriks von der TU Braunschweig bekräftigt, dass die Basis für Wissenschaftsfeindlichkeit und Antisemitismus oft sogar umfassende, irrationale Theorien über die Zusammenhänge des Weltgeschehens bildeten: „Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen dazu, was die beiden vereint. Und was sich da eigentlich immer herausstellt ist, dass die beiden über Verschwörungsmythen miteinander verwoben sind.  Eine Verschwörungmentalität – also der Glaube, dass irgendwelche geheimen Mächte, irgendwelche Obrigkeiten, unsere Welt im Geheimen steuern – scheint auch antisemitische Einstellungen zu produzieren.“

Warum ausgerechnet antisemitische Bilder in diesen Verschwörungstheorien oft einen wichtigen Platz einnehmen, erklärt Diskussionteilnehmer und Historiker Dr. Dirk Sadowski vom Georg-Eckert-Institut: „Wir haben beschrieben, dass bei den Corona-Protesten auch antisemitische Aussagen verbreitet wurden: dass die Juden oder Israel Schuld seien an der Corona-Pandemie. Und man muss sich dann fragen: Auf welchen Strukturen baut so etwas eigentlich auf? Und dann muss man auch in der Geschichte zurückschauen: Antisemitismen sind Dinge, die zum Teil im kollektiven Unbewussten verwurzelt sind. Ich denke, dass das Motiv der Brunnenvergiftung, das im Mittelalter eine große Rolle gespielt hat, eventuell hier revitalisiert und aktualisiert wird. “

von links: TU BS-Präsidentin Prof. Dr. Angela Ittel, Diskussionsteilnehmer Dr. Felix Klein, Bet Tfila-Leiterin Prof. Dr. Ulrike Fauerbach, Bet Tfila-Wissenschaftlerin Dr. Kartin Keßler, Bet Tfila-Leiter PD Dr. Ulrich Knufinke, Moderatorin Shelly Kupferberg, Diskussionteilnehmer Dr. Dirk Sadowski, Diskussionteilnehmerin Prof. Dr. Melanie Brinkmann, Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Stadt Braunschweig Prof. Dr. Anja Hesse, Diskussionsteilnehmerin Dr. Friederike Hendriks
Foto: Stadt Braunschweig/Daniela Nielsen

Auf die Frage, welche Möglichkeiten es gebe, der Wissenschaftsfeindlichkeit und dem Antisemitismus zu begegnen, führt Dr. Klein aus: „Wir müssen systemisch reagieren auf Antisemitismus: Wir müssen Strukturen schaffen, auf die man zurückgreifen kann.“ Als Beispiel nennt Dr. Klein Ansprechpersonen, die man in Organisationen wie Behörden, Universitäten, Schulen oder Sportvereinen benennen solle. Sie könnten eine Anlaufstelle bei antisemitischen Vorfällen sein und antisemitmuskritisch handeln. Dr. Hendricks hofft vor allem auf Aufklärung: „Eine Sache, an die ich sehr stark glaube, ist der Wissenschaftsjournalismus oder auch allgemein der Journalismus, der in der Lage ist, als Korrektiv einzutreten: Zu mediieren, zu kuratieren und bestimmte Strömungen, bestimmte Narrative aufzudecken und öffentlich in die mediale Präsenz zu bringen.“

Prof. Brinkmann bekräftigt die Wichtigkeit des Wissenschaftsjournalismus, betont aber auch vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen während der Corona-Pandemie:“Die Wissenschaftsjournalisten hatten eine ganz wichtige Rolle der Vermittlung. Sie haben sich gut ausgetauscht, viel gelesen und haben das wahnsinnig gut zu Papier gebracht – das kann ich lange nicht so gut. Sie haben aber auch immer gesagt: ‚Trotzdem brauchen wir Euch Wissenschaftler, die sich da hin stellen – damit die Gesellschaft weiß, dass es Euch gibt.‘ Was eine schlimme Tendenz wäre und was bei mir aber auch tatsächlich irgendwann eingetreten ist: dass die Anfeindungen so schlimm wurden, dass man aufhört, zu kommunizieren.“ Es brauche deshalb zusätzliche Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten und außerdem eine stärkere Ausbildung von Forschenden im Bereich der Wissenschaftskommunikation. So könnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zukünftig besser als Prof Brinkmann vorbereitet sein auf das, was sie bei der öffentlichen Kommunikation von wissenschaftlichen Ergebnissen erwartet.

 

Sie können sich die Podiumsdiskussion als Audio-Mitschnitt auf den Seiten des Forschungsstelle Bet Tfila anhören.

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